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Volkstrauertag 2018

Ansprache des Ortsbürgermeisters

Nach mehrstündigem Marsch kamen wir in ein großes Zeltlager. [...]

Der Boden war Morast, innen war nichts, keine Decke, kein Brett, kein Stroh. Das war eines der vielen sogenannten Hungerlager direkt hinter der Front. [...]

Man konnte entweder stehen oder im Morast liegen, schlafen. [...]

Dreimal am Tag erhielt jedes Zelt eine große Schüssel voll Essen. Die Schüssel wurde auf die Erde gestellt, wir acht Mann mussten uns ringsherum auf den Bauch legen und aus der Schüssel schlürfen, wie Hunde.

Ein Textauszug aus Martin Feuchtwangers Erinnerungen „Zukunft ist ein blindes Spiel“ an den Ersten Weltkrieg.

Gem 2018 Friedhof Volkstrauertag

Der November 1918 steht für das Ende des Ersten Weltkrieges. In den 100 Jahren seitdem gab es einen weiteren Weltenkrieg, unzählige regionale und lokale Kriege. Auch heute, an diesem Volkstrauertag, wird gekämpft.

Jedes Jahr in der dunklen Zeit erinnern wir uns an einem Novembertag der Toten, die durch die Kriege und in ihnen den Tod erlitten haben. Diese Kriege wurden von Völkern – oder genauer: von Staaten und

ihren Regierungen gegeneinander geführt.

Über viele Jahre hinweg ist aus der Trauer um die Toten und aus ihrer Würdigung immer wieder das Bedürfnis entstanden, ihr Opfer auch dadurch zu ehren, dass man Gründe für die Rechtfertigung ihres

Todes vortrug. Damit hat man, bestimmt meistens nicht gewollt, auch die Gründe für die Kriege gerechtfertigt, denen sie zum Opfer gefallen sind.

Wir müssen uns der Wahrheit stellen, dass wir Leid und Opfer der Toten wegen ihrer Würde als Menschen ehren. Auch wenn sie in einem ungerechten und nicht zu rechtfertigenden Krieg gestorben sind. Ein aus heutiger Sicht sinnloses Opfer gebracht haben.

Dieser Gedanke – zu unterscheiden zwischen den Kriegstoten und dem subjektiven Sinn und der Verherrlichung der eigenen nationalen Sache – ist gedanklich und gefühlsmäßig nicht einfach.

Diese Unterscheidung ist aber notwendig, wenn wir Schlussfolgerungen zum Volkstrauertag ziehen, für die Zukunft sinnlose Kriegsopfer vermeiden wollen.

Oft wurden und werden historische Ansprüche auf Länder und Reichtümer oder missionarische politische Ziele, angeblich unverzichtbare nationale Interessen oder sogenannte Überlebensinteressen ins Feld geführt. Mit historischem Abstand betrachtet, trafen diese Ansprüche nur in den allerseltensten Fällen zu.

Ein anderer Aspekt: Auch in diesem Moment werden Handelskriege um die Weltwirtschaft geführt. Ein Krieg nicht direkt mit Waffen – aber doch entwürdigen und oft tödlich. Zwei deutsche Beispiele hat mir vor ein paar Tagen erst der Friedensforscher Clemens Ronnefeldt vom Versöhnungsbund erklärt.

Wir Deutschen essen gerne Hähnchen, gehören deshalb zu den weltgrößten Produzenten. Allein mit den Füßen können wir nichts anfangen – sie sind bei uns Abfall. Also werden die Hühnerfüße nach Nigeria exportiert, wo sie eine Delikatesse sind. Die Folge: Die kleinen Züchter des afrikanischen Landes werden arbeitslos, können ihre Familien nicht mehr ernähren.

Wir Deutschen sammeln Altkleider, haben dabei meist einen guten Zweck vor Augen. Aber: Diese billigen Kleider landen ebenfalls in Nigeria, entziehen den alteingesessenen kleinen Webereien und familiären Nähereien die Lebensgrundlage. Die Menschen ziehen in die Slums der Städte, müssen dort von Abfällen ihrer Eliten leben. Wer kann, der flüchtet durch die Wüste und übers Mittelmeer – und kommt vielleicht letztlich als Flüchtling zurück zu uns.

Leider hat es in den vergangenen Jahren weltweit in der Folge der Banken- und der Wirtschaftskrise eine Renaissance von nationalen Vorurteilen gegeben. Auch bei uns in Deutschland sind Selbstherrlichkeit und Überlegenheitsdünkel wiedererstanden.

Die, die das vorangetrieben oder nahegelegt haben, sind der historischen Versuchung erlegen, den Wert von Menschen und anderen Ländern nicht an ihrem demokratischen Wertebewusstsein, an ihrer Kultur, an ihrem Freiheitswillen oder ihrer Kreativität zu messen, sondern einfach nur an ihrer wirtschaftlichen Effizienz. Der üble Gedanke der Vorherrschaft über „die Anderen“ wird bei manchen Menschen wieder hoffähig.

Der Volkstrauertag gibt uns einen Anstoß, diesen Irrweg wieder zu verlassen im Sinne der Maxime, die Immanuel Kant für den Gemeinsinn formuliert hat:

Uns jederzeit an die Stelle der anderen zu setzen, um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Oder einfacher ausgedrückt: Einen Weg in den Schuhen des Anderen gehen!

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